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Wickersdorf – gestern und heute

Diamantenes Abitur des Jahrgangs 1962–1966

Von Wolfgang Heimze / Joachim Hellmich Seite 39 im Heft 4 Minuten Lesezeit

Wir schreiben Ende Mai 2026. Im beschaulichen Wickersdorf trifft man auf eine größere Anzahl älterer Bürger, die rüstig und erwartungsfroh den Ort und das Gelände der Lebensgemeinschaft bevölkern. Es ist der Abiturjahrgang des Jahres 1966, der sein diamantenes Jubiläum begeht.

Das Besondere ist nicht nur die Teilnahme von gut 20 ehemaligen Schülerinnen und Schülern, sondern es ist, in Zahlen ausgedrückt, wirklich das 60. Treffen. Jedes Jahr, eine Woche nach Pfingsten, trifft man sich hier und denkt gemeinsam an die wunderbare Jugendzeit vor Ort.

Niemand sehnt sich nach Schulstress und strengem Abhängigkeitsverhältnis zurück, aber gegenüber Schulstress ist die Gegenwart heute oft eine Zumutung.

60 Klassentreffen in Folge sind sicher auch deutschlandweit eine Seltenheit. Wie ist es dazu gekommen? Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Schon zu Schulzeiten waren wir im Gegensatz zu vielen anderen nie opportun zu den Leuten, die unsere Abhängigkeit ausnutzen wollten, um uns kleinzuhalten und in ihrem Sinne zu disziplinieren. Daraus entstanden bi- und multilaterale Freundschaften, getragen von vielen gemeinsamen Interessen wie Sport, Musik, intelligente Späße etc. Von Beginn an blieben die Familien außen vor.

Trotzdem hätte alles nicht so lange und kontinuierlich stattgefunden, wenn die äußeren Bedingungen nicht gestimmt hätten.

Im Dorf waren wir immer gern gesehen, im Gegensatz zu einigen Lehrern, die in den Jahren nach 1966 gezielt Schulverbote aussprachen. Gewürdigt werden soll an dieser Stelle die Familie Schnepp/Hofmann, die über Jahrzehnte bis zu 25 Personen in ihrem Haus neben dem Eingangstor unterbrachte. Mit dem Gasthaus Kämmer, Utes Café und der Pension Stadtflucht fanden wir Räumlichkeiten und Personen, die uns tatkräftig unterstützten. Mit der Schließung der letzten Gaststätte im Ort fanden wir ein gutes neues Domizil in Carmens „Auerhahn“ in Rohrbach.

Die Wendejahre brachten eine Zäsur. Politisch gewollt und von der damaligen Thüringer Bildungsministerin Frau Lieberknecht rigoros betrieben, wurde die Schule geschlossen und fast 90 Jahre Reformpädagogik und qualitativ und fachlich sehr gute Ausbildung gekappt.

Das Objekt schien dem Verfall preisgegeben. Zum Glück gibt es in diesem Deutschland aber noch Menschen mit Phantasie und Energie, die sich von tausendfacher Bürokratie nicht abschrecken lassen und ihre Ideen tatkräftig und geschickt umsetzen. Haiko Jakob, der Leiter der Lebensgemeinschaft, steht mit seinen Mitstreitern für das neue Wickersdorf.

Die wunderbare Sanierung des alten Rittergutes, der späteren Internatsschule, wäre staatlichen Stellen nicht gelungen. Das Objekt ist rein äußerlich heute schön wie nie. Der fortschrittliche pädagogische Geist wurde bewahrt und mit der Betreuung von gehandicapten Menschen weitergeführt.

Seit einigen Jahren unterstützt uns Haiko Jakob bei unseren Klassentreffen mit Filmbeiträgen, Kaffeerunden und Besichtigungen der Einrichtungen. Dank ihm fand unser Ehrenstein seinen finalen Platz am ehemaligen Raucherhäuschen. Vor 3 Jahren fertigte die Tischlerei der Lebensgemeinschaft eine Bank, die an gleicher Stelle steht.

  • Der Amberbaum auf dem ehemaligen Sportplatz

Zum 60. Klassentreffen haben Haiko und seine Mannschaft sich selbst übertroffen. Auf dem ehemaligen Sportplatz konnten wir einen Baum (einen Amberbaum) feierlich einweihen und begießen. Zum Mittagessen im Speisesaal zeigte er den neuesten Werbefilm für die Einrichtung, inhaltlich und emotional sehr gut gelungen.

Nach dem Fotoshooting ging es zur Festhalle (frühere Turnhalle). Es folgte der Höhepunkt der Veranstaltung: Bewohner, Betreuer und Mitarbeiter der Lebensgemeinschaft boten uns ein berührendes Kulturprogramm mit Tanz und Musik. Verschiedene Lieder wurden gemeinsam gesungen. Unsere Frauen waren so begeistert, dass sie spontan den Mädchen auf der Bühne ihre „diamantenen Krönchen“ aufsetzten. Gemeinsam kamen schon neue Ideen für das 61. Klassentreffen auf (vielleicht ein Flashmob).

Der Leser dieser Zeilen sieht, wir wollen noch nicht abtreten, trotz altersbedingter Wehwehchen.

Die Zeit in Wickersdorf hat uns geprägt und gewappnet für die Stürme des Lebens, die wir einigermaßen erfolgreich gemeistert haben.

Es ist jährlich ein schönes Gefühl, Menschen zu treffen, die sich mit dir erinnern, ähnlich fühlen und empfinden.

Der Lebensgemeinschaft wünschen wir alles Gute in der täglichen Arbeit und bei der Umsetzung neuer kreativer Ideen.

Im Namen der Teilnehmer des 60. Klassentreffens, Jahrgang 1966

Text: Wolfgang Heimze / Joachim Hellmich

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