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Aus der Gemeinschaft

Gemeinschaft ist kein Zustand, sondern ein Versprechen – auch in stürmischen Zeiten

Von Haiko Jakob Seite 28 im Heft 5 Minuten Lesezeit

Es gibt Momente, in denen sich die Welt wie das sprichwörtliche „Kaninchen vor der Schlange“ fühlt. In Wickersdorf kennen wir dieses Gefühl nur zu gut, denn die Herausforderungen unserer Zeit sind gewaltig. Wir stehen an einem Punkt, an dem ein akuter Fachkräftemangel auf ein Geflecht aus starren gesetzlichen Vorgaben trifft, die oft wenig Raum zum Atmen lassen. Der Druck von außen ist spürbar, die bürokratischen Hürden sind hoch.

Doch wer Wickersdorf kennt, weiß: Wir haben uns entschieden, nicht in der Schockstarre zu verharren.

In einer Zeit, die nach Standardisierung verlangt, setzen wir auf das Individuelle. Wo das System an seine Grenzen stößt, suchen wir nach neuen Wegen. Das ist kein leichter Prozess. Er erfordert Mut, Ausdauer und die Bereitschaft, Lösungen immer wieder aufs Neue zu verhandeln – auch wenn der Weg steinig ist und die Antworten nicht immer sofort auf der Hand liegen.

Unsere Lebensgemeinschaft ist kein statisches Gebilde, das einmal erbaut wurde und nun einfach existiert. Sie ist ein lebendiger Organismus, der sich gerade in der Krise beweisen muss. Gemeinschaft bedeutet für uns, die Lasten gemeinsam zu tragen, wenn der Wind von außen schärfer weht. Es bedeutet, sich nicht von Paragrafen und Personalnot entmutigen zu lassen, sondern den Kern unseres Auftrags zu schützen: ein würdevolles, freies und menschliches Miteinander.

Ein Rückblick mit Herz und Verstand

Wir wissen, wie tief der Einschnitt war, als wir das Echohaus im vergangenen Winter vorübergehend schließen mussten. Eine solche Entscheidung treffen wir niemals leichtfertig. Sie war das Ergebnis einer schmerzhaften, aber notwendigen Abwägung. Unser wichtigstes Ziel ist die Sicherheit und die verlässliche Betreuung aller Bewohner.

Da das Echohaus baulich nicht barrierefrei ist, fiel die Wahl auf dieses Gebäude. Wir mussten die Bewohner, denen es körperlich möglich war, bitten, in unseren anderen Häusern enger zusammenzurücken. Wir verstehen den Schmerz darüber, den gewohnten Rückzugsort verlassen zu müssen – das ginge uns allen so. Doch was wäre die Alternative? Eine externe Unterbringung in Gasthöfen oder die Rückkehr in die Familien kommt für uns nicht in Frage. Wir sind eine Lebensgemeinschaft. Das bedeutet: Wir machen alles möglich, um unseren Bewohnern ein echtes Zuhause in Wickersdorf zu bieten, auch wenn die Rahmenbedingungen uns zum Äußersten fordern.

Ein Versprechen, das hält

Wir haben Wort gehalten: Im Frühjahr konnten die Bewohner und Betreuer wie versprochen in ihr Echohaus zurückkehren. Dass uns nun im Frühsommer erneut personelle Engpässe trafen, hat uns alle schmerzlich berührt. Warum ist das so? Unsere Struktur aus acht – bald neun – kleinen Häusern ist unsere größte Stärke, weil sie Geborgenheit schenkt. Doch sie ist auch unsere Achillesferse. Ein großes Heim kann Ausfälle durch Krankheit oder Urlaub leichter abfangen. Bei uns in Wickersdorf müssen in jedem Haus ständig Betreuer vor Ort sein. Das macht die Planung zu einem täglichen Kraftakt.

Um dies aufzufangen, investieren wir massiv in Helfer aus aller Welt (Bundesfreiwilligendienst). Dass die Stiftung diese Kosten trägt, ist angesichts der knappen staatlichen Budgets keine Selbstverständlichkeit, sondern ein klares Bekenntnis zu unserer Qualität.

Weitsicht statt Glaskugel

Mit dem neuen Ginkgohaus wachsen wir weiter. Das bringt neue Herausforderungen mit sich: Wir müssen unser Personal effizient planen. Die staatlichen Vorgaben zur Belegung sind hochkomplex – wir dürfen zeitweise auf 82 Bewohner aufstocken, müssen aber langfristig wieder auf 70 reduzieren. Solche Prozesse lassen sich nicht wie ein Lichtschalter bedienen. Aufnahmen neuer Bewohner dauern oft Monate, und die Bedürfnisse der Menschen verändern sich ständig.

Die gute Nachricht für den Moment

Dank der großartigen Zusammenarbeit aller Hausverantwortlichen, der Geschäftsleitung und vor allem dank jener Kolleginnen und Kollegen, die oft weit mehr leisten, als auf ihrem Lohnzettel steht, können wir aus heutiger Sicht sagen: Wir können das Echohaus weiterführen. Unsere gemeinsamen Anstrengungen haben die Strukturen stabilisiert.

Doch zur Ehrlichkeit gehört auch: Wir haben die Rahmenbedingungen – wie den allgemeinen bundesweiten Personalmangel – nicht allein in der Hand. Unsere Weitsicht zwingt uns dazu, wachsam zu bleiben. Sollten sich die Bedingungen dramatisch verschlechtern, müsste das Thema Schließung leider wieder auf die Tagesordnung. Stabilität ist in der heutigen Zeit kein dauerhafter Besitz, sondern etwas, das wir uns jeden Tag neu erarbeiten müssen.

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Ja, wir werden umstrukturieren. Ja, wir werden uns verändern. Aber wir haben die Ideen und den Mut dazu. Eine Gemeinschaft wie die unsere lebt davon, dass jeder nach seinen Kräften dazu beiträgt. Bloßer Eigensinn oder Widerstand ohne eigene schöpferische Vorschläge bringen uns nicht weiter.

Ich danke Ihnen allen – den Mitarbeitern für ihren Einsatz und den Angehörigen für ihr Vertrauen und ihre konstruktive Begleitung. Gemeinschaft entsteht dort, wo man gemeinsam durch die Prüfung geht. Wir bleiben im Gespräch – und wir bleiben vor allem eines: eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht.

Text: Haiko Jakob

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